L-52 Boreas

Pünktlich zur Segelsaison 1920 liess sich Herr P. Domke vom Zeuthener Seglerverein ein Schiff der sogenannten 30qm–Rennklasse bauen. Seine Wahl fiel auf den damals bekannten Konstrukteur W. von Hacht aus Hamburg. Herr Domke taufte sein Schiff, die L–52, auf den Namen “Hilde II” nach seiner Tochter und nahm die nächsten Jahre an zahlreichen Regatten vor allem in Berliner Revieren teil.

Mit dem Rückgang der Startfelder in der L–Bootklasse und dem Aufkommen der 22er–Schärenkreuzer verkaufte Herr Domke zur Saison 27 seine “Hilde II” und wechselte auf die 22er Schäre “Hilde III”. Mit der Verkaufannonce 1927 verliert sich die Spur von L–52, sie scheint aber irgendwann in ihrer Geschichte an den Rhein verlegt worden zu sein.

In den 70er Jahren gelangt L–52 mit der Namenszug “Gazelle NKC” auf dem Cockpitsüll an den Chiemsee, wo nach einer Havarie das Originalrigg mit Steilgaffel durch ein hölzernes Drachenrigg ersetzt wird. Nach einiger Zeit und etlichen Problemen mit der Dichtigkeit des Decks erhält sie eine rutschfeste Plastikauflage als Ersatz für das alte Leinendeck; einige Zeit später wird der Rumpf mit GFK überzogen. Die “Gazelle” verbringt die nächsten Jahrzehnte als Familienschiff in Breitbrunn am Chiemsee. Nachdem die “Gazelle” vom Sohn ihres bisherigen Eigners übernommen und weiterhin in Ehren gehalten wurde, entschloss er sich aus beruflichen Gründen nunmehr doch, sich von seinem Schiff zu trennen. Im Mai 2004 wurde L–52 dann in einer Gemeinschaftsaktion mehrerer Klassenmitglieder vom Chiemsee an den Ammersee überführt. Schnell zeigte sich, dass es einen guten Grund gab, warum der Ammersee in der Vergangenheit das Heimatrevier etlicher L–Boote war, und auch “Boreas”, wie L–52 inzwischen heißt, zeigte bereits bei der ersten Fahrt auf seiner neuen Heimat, was in ihm steckt…

Nach einigen überwiegend kosmetischen Arbeiten wie einem neuen Überwasseranstrich folgte als absoluter Höhepunkt des Jahres die Teilnahme an der Feier zum 90. Geburtstag der L–Boot–Klasse im September 2004 am Bodensee. Trotz der für L–Boote ungewohnt rauen Bedingungen zeigte “Boreas”, dass er nicht nur wie in der Verkaufsanzeige von 1927 beworben ein hervorragender Flautenläufer ist, sondern auch mit viel Wind umzugehen vermag.

Im Winterlager war dann Zeit für eine eingehendere Bestandsaufnahme. Leider erhielt ich hier Einblicke, die ich nun wirklich nicht haben sollte… schließlich konnte ich durch durchgefaulte Stellen in der obersten Planke in mein Schiff hineinschauen. Nach gründlicher Untersuchung fiel die Entscheidung, die rotten Stellen großzügig zu entfernen und bei dieser Gelegenheit auch das Schandeck zu erneuern, das ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen war. Das Ergebnis war ein relativ trauriger Anblick und der eine oder andere Betrachter meinte nur “Das Teil schwimmt nie mehr”.

Glücklicherweise konnten wir die gerissenen Lücken wieder schliessen und nach knapp anderthalb Jahren Restaurierung am 08.10.2006 zum HDL–Finale des ASViM wieder ein weitgehend segelklares Schiff in den Ammersee setzen und in Gesellschaft von L–84 und L–165 erste Schläge mit dem überholten Schiff zu machen. Trotz der umfangreichen Arbeiten bleiben noch einige kleinere Projekte für die nähere Zukunft offen, aber größere Arbeiten sollten bei dem jetzt erreichten Zustand für die nächsten Jahre nicht mehr anfallen.

Ich möchte hier noch mal ganz herzlichen allen danken, die mir vor und während der Restaurierung mit Rat, Tat und Aufmunterung zur Seite gestanden haben und ohne die L–52 “Boreas”, ex “Gazelle”, ex “Hilde II” wahrscheinlich noch lange nicht wieder den jetzigen Zustand erreicht hätte.